Gemeinsame Schule mit innerer Differenzierung
Präambel
Das Leben vieler Kinder ist schon vorab bestimmt. Das Leben, das über den Bildungsgrad, das Einkommen, die soziale Schicht und den Wohlstand entscheidet. Das Leben, das festlegt welchen Beruf man einschlägt, welche Interessen man verfolgt und ob lebenslanges Lernen nur als Schlagwort hängen bleibt oder als aktive Entscheidung gelebt wird. Unser Staat und unsere Gesellschaft baut auf einem zentralen Grundpfeiler – Freiheit. Die Freiheit sich selbst zu entfalten, zu leben und lieben, wen man will, Verantwortung zu übernehmen und jegliche Lebensstilmodele zu praktizieren, solange dies die Freiheit anderer nicht einschränkt. Doch Freiheit ist nur so lange Freiheit, solange die Chancen diese Freiheit auszuüben jedem und jeder gerecht zur Verfügung gestellt werden.
Vor allem die Kindheit und Schulzeit sollte eine Abschnitt der Möglichkeiten und des Aufwachsen sein, ohne Einschränkungen aufgrund von Herkunft, Wohlstand und Elternhaus. Die Chance eines jeden Kindes und aller Schüler:innen sich so zu entfalten, wie es für sie und ihn am besten ist, ist einer unserer, wenn nicht der zentrale Grundpfeiler und Ziel.
Ungerechter Staa(r)t oder wenn Herkunft über Bildung entscheidet
Bildung wird in Österreich sehr stark vererbt. Im OECD – Schnitt sind die Ausprägungen klar erkennbar und inländische Studien weisen immer noch auf klar identifizierbare Unterschiede in der Bildung von Kindern aus Haushalten unterschiedlicher Bildungsniveaus hin.[1] Dieser Umstand erschwert nicht nur Aufstiegsmöglichkeiten, sondern verhindert auch eine echte Wahlfreiheit des Bildungsweges. Für uns, JUNOS Schüler:innen, ist klar, dass jede Schülerin und jeder Schüler in Österreich die Möglichkeit haben sollte sich frei zu entfalten. Talente und Motivation können nur in einem passenden System gefördert und geschöpft werden, dass auch wirklich jede und jeden an der Hand führt und bis zum Abschluss begleitet.
Frühe Trennung mit späten Folgen
Nach dem Abschluss der Primarstufe scheiden sich für alle Schüler:innen die Wege. Die Wahl oder die Pflicht eine Mittelschule oder eine AHS – Unterstufe zu besuchen, stellt sich als zentrale Frage des späteren Werdegangs. Trotz der augenscheinlich einfachen Entscheidung, die in vielen Fällen aufgrund von Schulkontakten, frühen Noten und Leistungen, logistischen Möglichkeiten und Interessengebieten getroffen wird, eröffnen oder schließen sich mit diesem Zeitpunkt Türen und Tore für vielen Schülerinnen und Schüler. Eine Auswertung der Statistik Austria zeigte, dass 92% aller Jugendlicher, die eine AHS – Unterstufe positiv abschlossen, danach eine Schule mit Maturaabschluss besuchten. Unter Mittelschulabsolvent:innen lag die Quote bei lediglich 42%.[2] Diese Zahlen verdeutlichen die enorme Tragweite dieser Entscheidung und legen nahe, wie früh in Österreich in Schubladen und Schichten eingeteilt wird.
Vergleichsmodelle und Expertise
Zur Identifikation von Erfolgsfaktoren internationaler, chancengerechter Bildungssysteme fußt dieser Antrag stark auf Berichten von zwei Expertinnen. Einerseits erarbeiteten wir mit emer. Univ.-Prof. Mag. Dr. Dr. Christiane Spiel, Universitätsprofessorin an der Universität Wien im Fachbereich Bildungspsychologie, wesentliche Schwachstellen des aktuellen österreichischen Systems und diskutierten über Schwierigkeiten in der Umsetzung und Möglichkeiten der inneren Differenzierung. Andererseits präsentierte uns Fr. Christine Stähelin, Mitglied des Basler Bildungsrates, Vergleichssysteme aus verschiedenen Kantonen, namentlich Jura und Basel – Stadt, und informierte über Schwierigkeiten und Potenziale in der Schweiz. Beide Berichte trugen maßgeblich zur Ausgestaltung dieses Antrages bei und unser Dank gilt ihnen beiden!
Die gemeinsame Schule
Um unseren Anspruch eines chancengerechten Bildungssystems gerecht zu werden, setzt sich JUNOS Schüler:innen seit der Gründung für eine gemeinsame Schule mit innerer Differenzierung ein. Darunter verstehen wir die Vereinheitlichung des Bildungssystem von Beginn der Primarstufe bis zum Abschluss der Sekundarstufe I durch die Zentrale Mittlere Reife. Äußere Differenzierungen zwischen Schultypen sollen durch innere Differenzierungen ersetzt werden. Wir erkennen die logistischen Schwierigkeiten eines einheitlichen Schulsystems an und fordern die Umsetzung einer gemeinsamen Schule nach Differenzierungstyp B nach IBW[3]. Hierbei wird die Primarstufe von der Sekundarstufe logistisch (Klassenverband, Bildungseinrichtung, Lehrkräfte, etc…) getrennt, allerdings auf ein einheitliches System gesetzt, dass keine Differenzierung zwischen unterschiedlichen Schultypen zulässt.
Selbstverständlich dürfen Schulen weiterhin, auch in einem gemeinsamen Schulsystem, autonom an eigener Schwerpunktsetzung und Ideen arbeiten. Eine staatliche Leitung der Schulen lehnen wir ab.
Die innere Differenzierung
Zur Förderung und Stärkung von Schulkindern erachten wir die innere Differenzierung als ein wesentliches Merkmal der gemeinsamen Schule. Wir setzen uns für ein zwei – geteiltes Unterrichtsmodell ein. In dessen ersten Teil der Klassenverband und die Gemeinschaft durch gemeinsames Lernen gestärkt wird und in dessen zweiten Teil der Fokus auf gruppenbasierter Förderung und Forderung liegt. Die zeitliche Gewichtung der einzelnen Stundeneinheiten kann von der Schulleitung oder der Lehrkraft individuell an die Bedürfnisse der Schüler:innen angepasst werden. Der Schwerpunkt des gemeinsamen Unterrichts sollte auf der Vermittlung eines Grundstocks liegen, der die wesentlichen Punkte des Lehrplans umfasst. Der Gruppenunterricht, sollte sich an den Interessen der Kinder und Jugendlichen und ihren Begabungen, Talenten und Schwächen orientieren. In diesem Kontext erachten wir auch alters-übergreifende Unterrichtsmodelle, bis zu einem gewissen Alters – und Entwicklungsunterschied, für sinnvoll. Die innere Differenzierung soll als wesentliche Ergänzung die unterschiedlichen Entwicklungen zwischen jungen Kindern in der gemeinsamen Schule ausgleichen und die Lernerfolge für jeden und jede gleichermaßen ermöglichen.
Das Ziel – die Zentrale Mittlere Reife
Nach dem Abschluss der gemeinsamen Schule sollten jeder Schülerin und jedem Schüler alle Türen und Tore zu einer Weiterbildung und einem selbstbestimmten Lebensweg offenstehen. Wir, JUNOS Schüler:innen, fordern aus diesem Grund eine zentrale, standardisierte Abschlussprüfung, als Befähigungsnachweis der erlernten Kenntnisse. Die zentrale Mittlere Reife soll die wesentliche Fachkenntnisse für den Einstieg in eine weiterführende Schule als auch den Besuch einer Berufslehre ermöglichen.
Der Übergang zu weiteren Ausbildungswegen
In Österreich werden nicht nur Bildungsniveaus, sondern auch Bildungspfade weiter- und vorgegeben. Vor allem aus Akademiker:innenhaushalten werden, in vielen Fällen, alternative Bildungswege nicht an Schüler:innen vermittelt. Wir erachten deshalb, vor allem in Zeiten eines enormen Fachkräftemangels, eine verstärkte Informationskampagne an Schulen über verschiedene Lebens – und Bildungswege für sinnvoll. Weiters fordern wir die Ausweitung von Berufs – und Schulbahnberatungen (bspw.: Talentecheck durch das WIFI) in allen Abschlussklassen der Sekundarstufe I. Gleichzeitig setzen wir uns für den schnellen, leichten und ungestörten Übergang zwischen Pflichtschule und Lehrausbildungen ein. Aus diesem Grund fordern wir die Verlängerung der Sekundarstufe I um ein weiteres Schuljahr und eine entsprechende Kürzung der Sekundarstufe II. Diese Veränderung ermöglicht den Abschluss der Schulpflicht innerhalb eines geschlossenen Systems und verhindert den Zwang weitere Bildungseinrichtungen für ein Jahr besuchen zu müssen, um eine Lehre beginnen zu können. Es ist wichtig festzustellen, dass eine Veränderung der Dauer der Sekundarstufe II mit keiner Degradierung der Inhalte einhergeht. Ganz im Gegenteil - es ermöglicht eine stärkere Fokussierung auf schulartspezifische Schwerpunkte und verhindert, dass man die wertvolle Zeit in der Sekundarstufe II mit dem Ausgleichen von Schwächen verschwenden muss, welche sich in der Sekundarstufe I oder gar zuvor entwickelt haben.
Österreichs Bildungslandschaft – Ein System mit Möglichkeiten
Für uns, JUNOS Schüler:innen, ist klar, dass Reformen Zeit und Ressourcen brauchen. Vor allem die innere Differenzierung im Klassenverband kann kleinere Schulen vor logistische Herausforderungen stellen. In Jahren von akutem Lehrkräftemangel verschärft sich die Situation in vielen Schulen ohnehin. Dementsprechend setzten wir uns für eine Ausweitung, Integration und Aufklärung über außerschulische Übungen im Schulalltag ein. Diese reichen von einzelnen Fortbildungsangeboten durch Privat – oder Lehrpersonen hin zu politischen Großveranstaltungen (bspw.: Modell - UNO), an denen sich alle Schüler:innen Österreichs beteiligen können. Wir sind davon überzeugt, dass Lernen mehr ist als reiner Unterricht und erachten erweiternde Fortbildungsangebote als sinnvolle Ergänzung zum Bildungssystem. Ebenso sind wir davon überzeugt, dass Österreich ein Land der unendlichen Möglichkeiten ist, die nur darauf warten geschöpft zu werden. Die Entlastung der Schulen fängt an der Aufklärung über genau jene Möglichkeiten an.
Zur Debatte der Leistungsnivellierung (Dogmas, die sich halten)
In der Debatte über die gemeinsame Schule trotzt ein Argument jeglicher Kritik und hält sich vehement an den Seiten der Verfechter des getrennten Schulsystem. Die Nivellierung des Gesamtniveaus nach unten aufgrund der heterogeneren Zusammensetzung der Klassenverbände in einem gemeinsamen Schulsystem, wird vor allem in Debatten über die Zusammenlegung der Sekundarstufen aufgebracht. Es zielt darauf ab Angst unter jenen bildungsstarken Haushalten zu verbreiten, die ihre Kinder ganz gezielt an eine AHS schicken (wollen). Doch dieses Argument zerbricht schon unter näherer Betrachtung und wird durch zahlreiche Studien (bspw.: IBW[4]) widerlegt. Statt der propagierten Folgen führt ein gemeinsamer, heterogener Klassenverband nicht nur zur Stärkung der schwächeren Schüler:innen, sondern auch zur einer Leistungsverbesserung bei besonders Talentierten. Denn Leistungsunterschiede in Klassen und Gruppen decken nicht nur besser die realen Bedingungen ab, sondern fordern auch begabte Mitschüler: innen heraus, Inhalte neu zu überdenken und zu erklären. Wir bekennen uns klar zu einer fundierten, wissenschaftsgetriebenen Beschlusslage und versuchen durch empirische Untersuchungen und Expert:innenberichten das bestmögliche Schulsystem zu gestalten.
Die gemeinsame Schule ist der Rahmen – Verbesserungen im System das Bild
Dass die gemeinsame Schule nicht der einzige Schritt zu einer systematischen Verbesserung in unserem Bildungssystem ist, liegt auf der Hand. Trotz des Sprungs in eine chancengerechtere Zukunft, ist uns bewusst, dass noch unglaublich viele Themen auf unserer Agenda stehen müssen. Aus diesem Grund erachten wir die grundsätzliche Ausgestaltung und Veränderung unseres Schulsystems als Rahmen für zusätzliche Forderungen und Potenzial für zukünftige Ideen. So sollte die gemeinsame Schule nur ein Zuhause für all unsere Visionen sein. Wesentliche Erweiterung, die zwingend in einem chancengerechteren Bildungssystem Einzug finden muss, beinhaltet beispielsweise die Ganztagesschule, die einen wesentlichen Schritt in Richtung Entlastung der Eltern als auch Kinder setzt.
Für uns, JUNOS Schüler:innen, steht Folgendes fest: Wir treffen uns, wir schreiben diese Anträge, wir diskutieren und wir fordern – nicht als Selbstzweck, sondern als Mut zur Veränderung. Mutig, weil es Zeit brauchen wird - Zeit zur Veränderung. Diese Zeit schreckt uns nicht ab, sondern stärkt uns in dem, was wir machen. Wir werden uns auch in Zukunft, solange es dauert bis Veränderung eintritt, für eine chancengerechtere Schule in Österreich einsetzen. Eine Schule, in der jeder und jede die Talente und Begabungen ausleben kann und in der gefördert und gefordert wird. Denn die Schüler:innen Österreichs haben es verdient in einem Bildungssystem des 21. Jhd zu lernen und zu leben! Lasst uns gemeinsam einen weiteren Schritt in Richtung Zukunft Schule setzen!
[1]https://www.statistik.at/fileadmin/pages/1865/statistics_brief_- _vererbung_von_bildung.pdf
[2]https://www.derstandard.at/story/3000000267672/bildungsweg-entscheidet-sich- in-oesterreich-mit-wechsel-nach-volksschule
[3]https://ibw.at/publikationen/id/260/ (S. 47)
[4]https://ibw.at/publikationen/id/260/